Wohin stürzt der schiefe Turm - oder: RTFM!
Je mehr vom Internet es gibt, desto mehr hab ich zu lesen. Yay! Sowas finde ich mal genial, immerhin kostet eine Standleitung gerade mal so viel wie ein Fachbuch pro Monat. Oder alle 2 Monate. Wie auch immer.
Das ist aber offenbar eine Einstellung, die nicht unbedingt alle mit mir teilen. Immerhin liegt Österreich in der letzten Pisastudie bezüglich des Lesens und Verstehens von Texten online sowie offline an viertletzter Stelle von 34 teilnehmenden Ländern.
Erst wollte ich das nicht glauben. Immerhin ist in lesbaren Texten konserviertes Wissen nicht nur interessant, sondern eine enorme Hilfe im Alltag. Ich rede jetzt nicht nur von Nerds, sondern von ganz normalen Leuten.
Und das beste Beispiel sind die Bedienungsanleitungen von Geräten. Ich meine meistens kommt man bei dem Zeug mit logischem Denken weiter als mit diesen krusen Texten in 28 verschiedenenen Sprachen, die vornehmlich dazu dienen, den Hersteller rechtlich gegen Vollidioten abzusichern. Sogar auf unseren Kaffeebechern steht drauf daß der Inhalt heiß ist. Ja no na net, meinst aus der Maschine kommt Eiskaffee raus oder was?
Nur am Rande.
Aber in einige Maschinen muss man was einfüllen, damit die funktionieren. Meistens Öl oder irgendwelche bestimmten Flüssigkeiten. Und dann kommen die Leute zum Kassierer und fragen ihn, was sie da brauchen.
Woher zum Geier soll ich das wissen, wir haben alleine zwanzig verschiedene Ölsorten, nicht gerechnet Speiseöle, Kriechöle und Babyöle - und jedes Gerät diverser Hersteller braucht was anderes.
Daher gibts eine klare Ansage: Das steht in der Bedienungsanleitung drin.
Die Blicke, die man auf diese Antwort hin bekommt, wären eigentlich an sich schon Grund genug den Job hinzuschmeissen. Wie auch immer, meinst einer von denen würde die Anleitung lesen?
Neiiin, lieber gehen wir auf die Straße raus und fragen die Passanten, ob sie es vielleicht wissen. Mit dem Resultat, daß sie auf die Empfehlung von Hinz oder Kunz hin irgendwas kaufen was nicht mal mit der passenden Ölsorte verwandt ist, oder gleich Benzin in den Öltank reinfüllen. Ist auch schon passiert, dabei gehts da nicht mal mehr um Bedienungsanleitungen sondern nur mehr um Deckelbeschriftungen.
Und was war gestern? Wieder dasselbe, lies einfach die Bedienungsanleitung - verwunderter Blick mit einer Portion Abscheu gemischt. Und weg isser. Denke ich, ist besser so, aber nein, zehn Minuten später kommt er wieder und hält mir die verdammte Bedienungsanleitung vor die Nase.
Erwartet der jetzt tatsächlich daß ich das Handbuch für seinen Rasenmäher lese? Ich meine es wäre ja ok würde er kein Deutsch oder Englisch können, und auch kein Französisch, Japanisch, Koreanisch, Spanisch, Italienisch, Portugiesisch oder Holländisch. Aber der war ein Österreicher!
Da wunderts mich nicht, daß wir in der Pisastudie so saumies abschneiden, wenn die Leute nicht mal mehr lesen wollen.
Und genau das hab ich ihm gesagt.
Hat ers kapiert? Kaum.
Aber was solls, es war nix los und was das Nachschlagen von Informationen betrifft bin ich relativ effizient. Deutsch aufgeschlagen, die irrelevanten technischen Details übersprungen und hier stehts, sogar fett gedruckt:
Viertaktöl muss rein.
Also verkauf ich ihm eine Flasche 4Takter und die Sache ist gegessen, Hauptsache er ist weg.
Denkste.
Viertelstunde später steht der Erziehungsberechtigte da und erzählt mir lang und breit eine Geschichte die ich selber nicht recht begriffen habe. Nur so viel - der Knabe (schätzometrisch zwischen 16 und 18 Jahre alt, ich red ja nicht von Kindern) hätte Öl und Benzin kaufen sollen, da das 4T aber schon über 20 € gekostet hat, war kein Benzingeld mehr übrig.
?
LOL
Zumindest waren wir zwei uns einig - immerhin war er Ausländer und konnte daher lesen - und haben die Sache zu einem sowohl technischen als auch finanziellen Happy End gebracht.
Fazit?
Derer drei:
- 1.) Ganz offensichtlich ist Österreich nur deshalb an viertletzter Stelle in der letzten Pisastudie, weil wir etliche Immigranten haben. Ohne diese Leute wären wir wahrscheinlich ganz unten am allerletzten Platz.
- 2.) Die leicht patriotische Ader, die ich mit der Entwicklung der Österreich-Website entwickelt habe, ist wieder zu Asche zerfallen. Korea ist auf Platz 1, dorthin wandere ich aus, da wollen die Leute wenigstens lesen.
- 3.) Doofer Job.
Ok, das waren meine privaten Fazits, jetzt kommen die für die Öffentlichkeit relevanten:
Wer trägt die Schuld?
Die Lehrer?
Mitunter, immerhin ist es deren Job, den Leuten die Lesebereitschaft zu vermitteln. Aber selbst der beste Lehrer wirft die Flinte ins Korn, wenn er sich gegen Aussagen wie "Ach was, Fresse Alda, ich will penn´ laß mich in Ruhe." rein rechtlich nicht wehren kann? Wenn der Staat darüber diskutert, mit wie vielen Fünfern ein Schüler aufsteigen darf?
Die Eltern?
Mitunter, immerhin haben sie keine Zeit, sich um den Nachwuchs zu kümmern, denen drückt man 10 Euro in die Hand, dann sind sie beschäftigt. Und wenn das Gschraz nicht lesen kann, kann man ja die Lehrer beschuldigen.
Das Fernsehen?
Mitunter, immerhin bringen sie rund um die Uhr Schwachsinn und Volksverblödung, und die Verantwortung was sich Jugendliche ansehen liegt bei den Eltern.
Der Staat?
Mitunter, immerhin, die Leute in breiter Masse zu etwas wie beispielsweise Lesen anzuregen liegt ja bei den Medien, weil die die größte Reichweite haben.
Ein Silberstreif am Horizont
Glücklicherweise gibts auch Lichtblicke. 11jährige, die regelmäßig Wissenschaftszeitschriften kaufen, Eltern die ihre Kinder ermutigen, ihnen zeigen daß Wissen (jedweden Gebietes) interessant ist, Menschen die lesen was auf den Lebensmittelverpackungen draufsteht und wissen daß Aspartam Gift ist, Kinder die bewusst auf die Vollkornprodukte achten, ältere Damen die sich mit ihren Maschinen besser auskennen als der Mechaniker ums Eck.
Irgendwie drängt sich mir der Eindruck auf, die 2klassen-Gesellschaft züchtet sich selbst.
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