Es hat begonnen

Es geistert durch alle Medien: Plünderer und Randalierer in London, die Zerstörungen durch Jugendliche weiten sich aus - Birmingham, Tottenham, Krawalle in Manchester. Und überall melden sich die Leute zu Wort - professionelle Journalisten oder Laien in Leserkommentaren. Die Einen reden davon, daß Jugendliche ihre eigene Zukunft angezündet haben, hirnlos, ohne politische Ziele. Andere sehen die Schuld im System, in der Kürzung der Sozialzuschüsse, der - in Ermangelung eines besseren Ausdrucks - Verspottung durch Kaufhäuser, in denen die Schätze der Konsumgesellschaft den Menschen knapp außer Reichweite vor die Nase gehalten werden, die nicht genug Geld haben, sie auch zu kaufen. Zu wenig Arbeit, zu viel freie Zeit, keine Perspektiven für die Zukunft.
Manche gar führen den Verlust der alten Werte seit der 68er Revolution auf, den Verlust des Respekts vor der Autorität, vor dem Staat und seinen Organen, vor den Nachbarn und Mitmenschen.
Aber welche alten Werte sollen das gewesen sein? Respekt vor der Obrigkeit weils halt so ist? Wie wärs mit neuen Werten: Respekt vor denen die ihn verdienen?
Leider lebt der einzige Politiker*, der meinen Respekt verdiente, nicht mehr.

Die gesamte Bandbreite von Ansichten, Meinungen, Kommentaren, pro, contra, von Opportunisten, Kommunisten, Philosophen, Soziologen, Arbeitern, Arbeitslosen, Leuten von Besitz und Leuten ohne, Menschen mit Bildung und Menschen ohne.

Was ich allerdings in all jenen Artikeln und Kommentaren vermisse ist die einfachste und logischste Feststellung:

So ist der Mensch.

Homo sapiens sapiens - eine Spezies, die in Familienverbänden oder mittelgroßen Rudeln lebt, Nahrung sammelt und Tiere jagt, und - wie jedes Rudeltier - sich je nach Stellung im Rudel um die anderen Mitglieder kümmert.

Wir sind nicht dafür ausgelegt, wie Termiten zu Millionen auf engem Raum zu leben, die tägliche Konfrontation mit zig anderen, unbekannten Menschen ohne Abstumpfung und Anonymisierung zu ertragen. Alleine ich wechsle täglich Worte mit 500+ Personen in der Arbeit und muss psychologische Tricks auf mein eigenes Hirn anwenden, um trotzdem noch freundlich und serviceorientiert auftreten zu können.

Der einzige Grund, warum sich die Menschen nicht generell gegenseitig an die Gurgel gehen ist Besitz - sowohl in materieller Form, als auch in geistiger und sozialer. Verlustangst. Das angenehme Leben, das Dach über dem Kopf zu verlieren, das wir uns aufgebaut haben oder an das wir uns zumindest gewöhnt haben, auch wenn es die Eltern waren die es aufgebaut haben. Freunde, Familie, das soziale Umfeld, den Stolz des Vaters und den Ruf zu verlieren, den wir genießen.

Entfernen wir diesen Anker, bleibt nichts als eine Ratte im Käfig.

Ein kleiner Käfig mit vielen, sehr vielen Ratten**. Und wir beissen uns gegenseitig tot.

Natürlich gibt es noch einige wenige Zeitgenossen, die an so Dinge glauben wie Belohnungen fürs Bravsein und ein schöneres Leben im Jenseits und die Güte eines allmächtigen und allwissenden Chefs, der irgendwo unsichtbar herumsitzt und beobachtet, wie die kleine Schwester am Heroin verreckt (Huch, harte Wortwahl) oder der kleine Bruder von dem, der das Wort Gottes verkündet, gef...ördert .... wird. (Wir wollens mit den harten Worten nicht übertreiben)

Wäre es nur in London, würde ich ja nur diabolisch grinsen und sagen tja, shit happens, wahrscheinlich nicht mal darauf eingehen. Aber die Vorgänge sind Global sichtbar, spürbar, eine Erschütterung der Macht würde Darth Vader sagen - Anima Mundi zittert. Vor Zorn.

Krawalle in China, Aufstände in Syrien (und im halben arabischen Raum), Chile... auf der Straße, im Netz.

Wohl der hoffnungsloseste Artikel, seit dem Bestehen dieser Website, hm? Und trotzdem - selbst die Zerstörung der bekannten Welt, die Eruption von globaler Vernichtung - die Ströme des Blutes - interessant zu beobachten, wenn man selbst nichts daran ändern kann und sich eine leicht zu verteidigende Ecke im Rattenkäfig gesucht hat.

Kalt? Vielleicht.

Aber wenn eine Schreckensmeldung die andere verdrängt und auch die "Mächtigen" sich permanent im Kreis drehen und sich sogar in ihren Versprechungen widersprechen und wir förmlich sehen wie ihre Gehirne die Situation und Verantwortung nicht einmal mehr im Ansatz erfassen können.

Aber bevor ich mich in blutgetränkter Weltuntergangssprache verliere - wie ein wahnsinniger Prophet den feurigen Tsunami ankündige, der das Angesicht der Gaia mit rasender Gewalt reinigen und die Menschheit von den Füßen fegen wird...

...würde ich gern eine Statistik sehen. Irgendeine nette, saubere Statistik, die mir beispielsweise den tatsächlichen Anstieg weltweiter Gewaltbreitschaft anschaulich darstellt. Und zeigt, ob wirklich alles schlimmer geworden ist, oder die Berichterstattung nur fleissiger.

Wie auch immer, bin zwar nur eine Ratte im Käfig, aber jetzt gehe ich trotzdem mal raus an die Sonne. Genug Frust für heute :D

* Herbert Fux

** Als ich ein Kind war, hatte ich Mäuse. Heute schüttle ich den Kopf, aber damals keinen Plan davon, wie viel Platz Mäuse tatsächlich brauchen. Die Mäuse haben sich vermehrt, der Platz im Terrarium ist gleich geblieben. Was ich als Kind nur im Ansatz verstanden habe, war quasi ein kleiner Spiegel der Gesellschaft: Rapide ansteigende Gewaltbereitschaft - Das Terrarium war überbevölkert - Mäusekrieg mit Todesopfern. Erst der Ankauf eines großen, zusätzlichen Käfigs - der mein gesamtes Taschengeld gekostet hat - und eines kleinen Zusatzkäfigs den ich geschenkt bekommen habe, löste das Problem und die Tiere wurden wieder friedlich.

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