Spiegeldimension

Für uns Schwarzmagier ist die Spiegeldimension eine bekannte Sache, immerhin steht es in jedem drittklassigen Daemonicon nachzulesen. Aber für die Nichtzauberer unter euch will ich es nochmal erklären:
In der Spiegeldimension, die sich durch jeden 13. zerbrochenen Spiegel mit einer Handvoll Katzenhaare erreichen lässt, läuft im Prinzip alles so ab wie bei uns hier, nur eben völlig konträr. Schwarz ist dort Weiß, und Violett ist Gelb. (Ausser in Dimensionen, in denen die Gegenfarbtheorie von Karl Hering dominiert, oder Goethes Farbenlehre, dort ist Gelb Blau und vice versa.)
Die Sonne strahlt in Finsternis und wenn man im Schatten sitzt, braucht man eine dieser wundervoll-gruseligen Schweißermasken. Und gegen Völlegefühl braucht man keine Magenausräumtabletten, sondern man verspeist einfach eine Schweinshaxe.

So viel zur Spiegeldimension. Und genau darauf gründete sich meine Theorie. Nämlich wenn ich in dieser Welt ein gefürchteter Schwarzmagier bin, der keine Sekunde zögert eine Vivisektion durchzuführen oder die Karthäuserkätzchen in den Ofen zu schieben (nein, natürlich nicht kochen, dünsten!), immerhin bin ich ein chaosgebundener Adept der schwarzen Künste – dann muss mein Äquivalent in der Spiegeldimension einer der friedfertigsten Weißmagier sein die es gibt. Oder vielleicht Priester oder sowas.

Auf jeden Fall würde mir ein Besuch meines gespiegelten Selbst wertvolle Informationen zur Erkenntnis der eigenen Macht verleihen, möglicherweise könnte es mir sogar gelingen, mein Spiegelbild so weit zu manipulieren, daß die Kräfte von Schwarzer und Weißer Magier zu einem Hybriden verschmelzen. In meiner ehrwürdigen Weisheit nannte ich diese Theorie „Allmachtstheorie“. Nicht besonders kreativ, dessen bin ich mir durchaus bewusst, aber aussagekräftig.

So viel zur Theorie.

Natürlich birgt eine Reise in die Spiegeldimension gewisse Gefahren, wegen der umgekehrten Quanten und der Andimaterie, benannt nach Andreas Brandbauer, dem bekannten Materialisten des 19. Jahrhunderts.
Aber Gefahr ist bekanntlich mein zweiter Vorname. Also, frisch ans Werk, 12 Spiegel kaputt gemacht, die Katze narkotisiert und rasiert, den Zauberspruch rezitiert und ab mit Krach und Klirr durch den 13. Spiegel.

Eigentlich ist es dort drüben nicht so anders, wenn man sich erstmal an die Tatsache gewöhnt hat, daß die Augen kein Licht empfangen, sondern abstrahlen. Die Verdauung funktioniert auch ein bisschen umgekehrter, aber für die Dauer meines Aufenthalts irrelevant. Sofort habe ich mich also nach meiner Spiegelversion erkundigt: Sirtserret Rhafeg Sucirbmul. Zuallererst habe ich natürlich nachgefragt, wer gegenwärtig Papst ist. Immerhin bin ich der oberste Gesandte der Dunkelheit in unserer Welt, und der Spiegelpapst müsste demnach ein ebenbürtiger Kollege sein. Naja, der Spiegelpapst war kein Er, sondern (klarerweise) eine Sie, nämlich Hsub Egroeg, der man große Herzensgüte, sowie eine hohe Intelligenz nachsagte. Verwunderlich? Naja, bei logischer Betrachtung eigentlich klar wie Kloßbrühe Kürbiscremesuppe.

Wie auch immer, in einer Welt der hilfsbereiten Tyrannen, der oligarchen Bettler und freigiebigen Krankenkassen – in einer Welt wo das Internet in Büchern von Hochgeschwindigkeitsbeamten ausgeliefert wird und wo die Schwarzwaldklinik ein interessanter Animestreifen ist…

In so einer Welt ist es garnicht so einfach, das exakte Gegenteil seinerselbst ausfindig zu machen. Also, zuerst habe ich mir (es ist in der Tat schwierig, die Spiegeldimension zu begreifen) die Bände des Internet 16749 und 349087 bestellt. Elgoog und Koobecaf. Beides natürlich ein Reinfall. Elgoog war eine kleine, private Site, gerade mal 7 Seiten dick und Gerüchten zufolge in Finanzproblemen. Und der Band von Koobecaf war mit derart harten Datenschutzrichtlinien ausgerüstet, daß ich nichts herausfinden konnte. Aber man lernt, also habe ich noch einen Band des Internets bestellt. 42eo. Sinn? Naja, wie gesagt, wir befinden uns in der Spiegeldimension.

Und tatsächlich, ich wurde fündig. Leider. Mein Gegenstück war eine freundliche Buchhalterin mit einem Faible für Ordnung und vegetarische Ernährung…

Bevor ich enttäuscht wieder in meine saubere, chaotische Welt aufgebrochen bin, habe ich noch Kraft gesammelt für die Rückreise. Das war wirklich nicht schwer, denn nach den ersten 15 Minuten des Vortrages über doppelte Buchführung hat sich meine chronische Insomnia geschlagen aus dem Ring entfernt.

Und die Moral von der Geschicht? Theorien erstmal besser überdenken.

Und wie gings weiter? Naja, leicht zu erraten oder? 13 zerbrochene Spiegel x 7 = 91 Jahre Pech, angefangen mit einer rasierten Katze, die eben erst aus ihrer Narkose erwacht ist und ob ihrer Haarlosigkeit ein… wenig überreagiert.