Beschwörungsmagie

Gut, also neulich habe ich mir den Knöchel verstaucht, als ich in der Bibliothek von der Schiebeleiter gefallen bin. (Eines dieser Kryptozoologiebücher hat versucht, mich zu beißen. In meinem Fall wärt ihr auch lieber runtergefallen, immerhin weiß man nie, welche ekligen, äonenalten Krankheiten die Biester übertragen können. Godzillismus oder sowas, brr!)

Also, Knöchel verstaucht, da dachte ich mir, wäre ja toll wenn ich einen Dämon zum Einkaufen schicken könnte. Keinen großen, beileibe nicht, die sind viel zu anspruchsvoll. Außerdem schleimen sie mir mit ihren Tentakeln alles voll und die Nachbarn regen sich über das chthonische Gemurmel auf.

Also einen kleinen, vielleicht einen der Doppelgänger, die können sogar so aussehen wie Menschen wenn sie wollen. Überdies beugen intelligente Gestaltwandler gewissen Katastrophen vor. Nicht so wie letztes Mal, als mein Wasserelementar den Interspar in einen Freizeitpark verwandelt hat.

Immerhin haben sieben Kinder den Freischwimmer gemacht, hatte also auch was Gutes. Irgendwie.
Jaaa, ich weiß! Aber als Magier muss man Optimist sein, sonst führt das zu nichts.

Also, die Beschwörung.
Ich, brav Zauberkreide genommen, Heptagramm auf den Boden gemalt, Runenmuster drumherum, bisschen Mullemulle, bisschen Zaubersalz und ein Kohlebecken. Kohlebecken sind absolut notwendig, denn die Reise zwischen den Sphären ist anstrengend und Dämonen sind leidenschaftliche Grillfreunde. Besonders die Quitslinga, die stehen auf Souflaki mit Ketchup.

Aber irgendwie kommt es immer anders als man denkt.
Kaum sehe ich mal eine Sekunde weg, kommt schon einer, beschwert sich, daß im Beschwörungskreis kein Sessel für ihn vorbereitet ist, und lässt einen atemlosen Redeschwall über den neuesten Klatsch der unteren Ebenen vom Stapel.

Naa Klasse, ein Mane. Die Klatschtanten der Hölle. Frag ich ihn, was er hier verloren hat, ich wollte einen Quitslinga, den ich einkaufen schicken kann.
Sagt der Mane, die Quitslinga wären momentan im Streik wegen der Ketchuppreise und außerdem wäre Astaroth wieder mit Hel zusammen, die hätten sich ja vor achttausend Jahren getrennt weil niemand das Kistchen der Hydra saubermachen wollte. Aber da die Hydra ja letztens ein Stelldichein mit Herakles hatte, haben die beiden ihre Streitigkeiten wieder ausgeräumt. Darüber hinaus hat Baal rechtliche Probleme mit der Markenschutzbehörde bekommen, weil er sein neues Yoghurt „Yog-Sothoth“ nannte…

Und so weiter, Manen halten ja nie still und man versteht nur die Hälfte weil sie so schnell reden. Wie auch immer, mit dem Quitslinga wars also Essig, dazu kommt, Manen stehen nicht auf Souflaki sondern wollen nur Stollwerck haben (ideal, das pickt ihnen die Klappe zu). Aber sowas hatte ich nicht im Haus, also konnte ich den Manen auch nicht so schnell loswerden. Schweren Herzens habe ich also damit spekuliert, daß er sich ohne Gesprächspartner bald langweilen und in seine Hölle zurückfahren würde.

Also ging ich – mit meinem verstauchten Knöchel – selber einkaufen. Und ließ den schwatzhaften Dämon allein.

Ich Idiot.

So, komme ich also vom Einkaufen zurück in der Hoffnung daß der geschwätzige Mane genug davon hatte in meinem Heptagramm zu sitzen und Selbstgespräche zu führen.

Hatte er auch. Aber anstatt sich zu verdünnisieren wie ich dachte, hat er seine Kumpels gerufen. Klasse. Ein rappelvoller Beschwörungskreis in meinem Wohnzimmer, überfüllt mit geschwätzigen Manen, die sich über die pikanten Details von Hekates neuem Outfit und den Zorn des Sisyphos, als Loki seinen Stein mit Butter eingerieben hat, unterhielten.

Wie habe ich das verdient? Ich meine, ich wollte ja nur einen Quitslinga rufen, der mir zum Markt geht. Andere lassen sich ihre Einkäufe mit von Amazonen gelenkten Drohnen einfliegen, ist das denn so verwerflich?

Glücklicherweise habe ich (einer Vorahnung folgend, die selbst der größte Optimismus nicht völlig ausknipsen konnte) eine Vorratspackung Stollwerck gekauft. Jedem der Manen eine Handvoll dieser leckeren Kaubonbons in die Schnute und sie halten ihr Mundwerk für Stunden geschlossen. Genug Zeit, damit ich meinen Entlassungszauber rezitieren und das gesamte Teekränzchen wieder zurück in den Tartaros schicken konnte.

Hach, wie friedlich die Dinge doch sind wenn verdammt nochmal RUHE herrscht. Also mache ich mir einen Tee, schnappe eines der zahmeren Bücher und begebe mich auf die Terrasse…

Nur um Punkt 16 Uhr vom Geschrei der Putzfrau wieder ins Hier und Jetzt zurückgeholt zu werden. Verflixt, ich hab vergessen, das Heptagramm aufzuwischen. Zeter und Mordio! Sie ist da sehr eigen, was Kreide auf den Fliesen betrifft, sowie ziemlich stur wenns um Aufgabenteilung und Gehaltsschecks geht.
Danke, 21. Jahrhundert, vielen Dank! Zur Römerzeit war das Ganze viel einfacher, da hatte man einen Griechen oder Nubier der das erledigt hat und wenn die Probleme verursachten, gabs da immer noch die Gladiatorenschule).

Zum Glück war noch etwas Stollwerck übrig.