Manchmal...

... muss man sich für die eigenen Landsleute schämen. Ja ne wirklich.

Ich bin ja nun wirklich nicht das Musterbeispiel für political correctness, weil das ganze Gelabere über Bezeichnungen und gute und böse Worte meinen Allerwertesten nicht wirklich tangiert (schön ausgedrückt oder?). Kurz, für gewöhnlich mache ich mir kaum Gedanken darüber. Bis gestern.

Kommt ein Ami in unseren Offen-Bis-Mitternacht-Laden rein.
Höflich, gut gekleidet, hungrig und... schwarz. Meinereiner nutzt ja jede Gelegenheit, um das gesprochene Englisch aufzupolieren, also laber ich mit dem und vertick ihm ein Leberkassemmerl als repräsentatives Stück österreichischer Fastfood-Kultur.

So weit, so gut... Nach ihm kommt ein Typ, der gerade Brot, Milch und so Krams gekauft hat, und blafft ihn ohne Umschweife an:
"Gemma! Noch Afrika!"

Allfällige Beobachter hätten sowohl über des Amis Kopf, als auch über meinem jeweils ein fettes Fragezeichen erkennen können. Bei ihm wohl, weil er versuchte, den Satz zu entziffern, von dem er nur die Kontinentalbezeichnung verstanden hat, bei mir weil ich das zeitmeiner noch net erlebt habe. (Jaja, ich war ein behütetes Kind...).

Der Brotmilchheini aber hat die Fragezeichen korrekt erkannt und seine überaus... ähm... interessante Anweisung wiederholt, und zwar "verständlicher" artikuliert:
"GEH MAH NOCH AFRIKAH!!"

Irgendwie weiß ich net so recht, ob ich über sowas weinen soll, oder mich über die Blödheit mancher Leute zerkugeln. Wenigstens ließ sich die Situation mit einem scharfen "Lass des bleiben." in die eine Richtung und einem "Just ignore that guy." in die andere lösen.

Irgendwie fehlt mir da etwas der Bezug zu den Gedankengängen des Brotmilchheinis, vielleicht gehört er zu denen, die damals bei dem Kinderspiel "Wer fürchtet sich vorm schwarzen Mann" nicht nur am schnellsten gerannt sind, sondern sich danach noch drei Tage im Keller versteckt haben.
Möglicherweise hängt er auch einem alten Aberglauben an, nach dem sein eh scho wissen um einen Zentimeter wächst wenn er meine Kunden anpöbelt?

Keine Ahnung, aber trotzdem irgendwie lächerlich.

Update des Autors, ein Jahr später

Beeinflusst von der Tatsache, daß ich gerade die Site überarbeite, habe ich ein Jahr darauf diesen Artikel wieder ausgegraben. Mein Fragezeichen überm Kopf ist heute nicht unbedingt kleiner, aber anderer Natur. Während es dazumals einfach nur Verwirrung ausdrückte, stellt sich heute (getreu meinem Motto "Curiosity, Eternity, Blood") die Frage:

Ist das normal?

Mein Umfeld setzt sich aus normalen Österreichern zusammen, deren politische Einstellung sich wohl am Besten mit "Leben und leben lassen" umschreiben lassen könnte. Kontakte mit Leuten aus den politischen "Rändern", also links oder rechts, enden meist spätestens dann, wenn sie zum wiederholten Male versucht haben, mir ihre Tiraden auf die Nase zu binden.
Dementsprechend beschaulich verläuft der Alltag. Rassismus ist etwas worüber man in der Zeitung liest, das man aber überblättert, weil es ein uninteressantes Thema ist, das einen nicht betrifft.

Aber... sind solche Vorkommnisse häufiger? Werden Leute bei uns aufgrund ihrer Hautfarbe von anderen angepöbelt, deren Bildung nicht einmal die englische Sprache (bzw. halbwegs verständliches Deutsch) umfasst?

Wenn Nein, darf ich mich in Ruhe zurücklehnen und den angenehmen Morgen genießen. Wenn aber Ja, dann frage ich mich, ob eine solche Entwicklung nicht gefährlich ist? Gefährlich natürlich für jene, die in der Rolle als "Opfer" stecken, klarerweise. Aber doch auch gefährlich für die "Täter", immerhin setzen sie ihren gesamten Seelenfrieden (in Ermangelung eines besseren Ausdrucks) aufs Spiel, indem sie sich einem völlig irrationalen Zorn, ja, Hass - hingeben.

Laut Yoda führt ja Angst zu Zorn zu Hass zur dunklen Seite der Macht.

Stichwort Angst - der Fachausdruck lautet ja Xenophobie. Phobie - Angst, neurotischer Weise.

Fremdenfeigheit quasi, ein nettes Wort, lassen wir es uns auf der Zunge zergehen.

Fremdenfeigheit.

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