Den Vertreter zu vertreten

Es gibt schon immer wieder interessante Wortspiele, die sich mit unserer Sprache aufführen lassen. Den Vertreter zu vertreten ist eins davon, da macht man sich als Mensch, der irgendwo zwischen Syntax und Semantik hängengeblieben ist, schon mal Gedanken.

Vertreter kennt ja jeder. Das sind sowas wie Hausierer, die kommen und wollen was verkaufen. An sich ist das im B2B (Also unter Geschäftsleuten und Firmen und sowas halt alles) ja eine absolut feine Sache. Der kommt und zeigt seine Waren, man stellt ihm Fragen, testet den Krams und kauft was. Oder auch nicht.

Jedenfalls muss ich nicht nach Santa Clara fahren wenn ich Zuckerrohr kaufen will, sondern der kommt zu mir. Der ist meistens sehr fidel und bringt Probepackungen von Rum und Zigarren mit.

Wie auch immer. Im Privathaushalt ist das schon was anderes, insbesonders wenn irgendwo vergesslicherweise eine Türe offen ist, die Typen übers Gartentor klettern und plötzlich bei mir im Wohnzimmer stehen. Oder im Keller herumkramen. Hatten wir beides schon.
Aber als Besitzer von Werkzeugen der Forstwirtschaft bin ich auf sowas vorbereitet und die Herren haben dann plötzlich etwas ganz Wichtiges zu tun. Anderswo. Weit weg.

Aber man muss ja nicht unbedingt mit einer Axt herumfuchteln und Wikinger-Schlachtrufe brüllen, man könnte die Vertreter ja auch vertreten.
Das ist dann quasi die Hardcore-Version von verhauen, insbesonders wenn man in die Haussocken Stahlkappen einnäht. Kann man sich auch nicht mehr den Zeh stoßen, praktische Sache.

Das Problem an der Sache ist, wenn ich beginne den Vertreter zu vertreten, werde ich quasi dadurch selbst zu so etwas wie einem Vertreter. Und das geht nicht so einfach, denn dann kommt der Rechtsvertreter (der darf von Rechts wegen vetreten und bekommt die Socken von der Kanzlei gestellt) und fragt, ob ich eine Vertretungsbefugnis besitze.
Das ist sowas wie ein Waffenschein für modifizierte Haussocken.

So, damit ich also nicht wegen Übertretung (man muss es mit dem Vertreten ja nicht übertreiben) der Befugnisse eingekastelt werde, könnte ich mir eine Vetretung besorgen und ihr das Vetreten in die Schuhe schieben. Zumindest wenn bei den gepimpten Socken noch Platz im Schuh bleibt. Allerdings müsste ich mich hier glasklar ausdrücken, denn da es meine Vertretung ist, müsste sie ja mich vertreten und das mag ich nun doch nicht. Wäre sie aber nun die Vetretung des Vertreters, müsste ich sie vetreten statt ihn, und das macht genausowenig Sinn. Außerdem wen vetritt dann der Vetreter? Immerhin ist vertreten sein Job.

Achso, ne der Vertreter ist ja die Vertretung von seinem Chef, sprich ich komme mit heiler Kehrseite davon. Zumindest wenn ich selbst vertrete und keine Vertretung beauftrage und auch kein Rechtsvertreter dazwischenkommt.

Wobei irgendwie könnten wir den Rechtsvertreter auch genauer unter die Lupe nehmen, denn wenn er das Recht vertritt, also quasi das Recht mit Füßen (bzw. stahlverstärkten Haussocken) tritt, müsste er ja garnichts sagen, wenn ich den Vertreter ohne Vertretung vertrete.

Ich würde jetzt ja sagen, das ist die Meinung die ich vertrete. Aber da ich zu meiner Meinung durchaus stehen kann, sehe ich keinen Sinn darin, sie zu vertreten. Ist ja eine gute Meinung, zumindest von einem mehr oder minder vertretbaren Standpunkt aus.

Wie auch immer, wenn mich der Chef nächstes Mal fragt, ob ich ihn mal schnell vertreten kann, frage ich besser genau nach, was er damit meint. Hat ja keinen Sinn wegen semantischer Unstimmigkeiten gefeuert zu werden.

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