Fortschritt oder Hirn - was ist schneller?

Die Entwicklung rast vorwärts und unser Hirn geht einfach mit - oder auch nicht, jedenfalls ist Fortschritt eines der Mysterien unserer Zeit.

Gerade eben lese ich einen Artikel auf Heise, der sich mit den sozialen Aspekten des Fortschritts befasst. Wennst ihn auch lesen willst, mach das.
Besonders beeindruckt hat mich die im Abschluß durch ein Kind formulierte Frage: "Wie sind die Menschen eigentlich ins Internet gekommen, ehe es Computer gab?"

Tja, das waren noch Zeiten, als wir durch den Einsatz gesammelter Pinienzapfen das Netz aufsuchen mussten. Damals, als es noch keinen Bankomaten gab und wir Kartoffeln gegen Gamingcards tauschen mussten. Als ich gerade mal 15 war, man stelle sich das vor, bestand das Social Network aus Menschen, die man beim Fortgehen kennengelernt hat, mit denen man sich eine Buddel Sturm in lauen Sommernächten am Flußufer teilte, oder im Winter in einer verhältnismäßig warmen Tiefgarage auf Steckdosensuche gegangen ist. Denn einer hatte die neueste technische Errungenschaft dabei, einen Discman. Das ist ein tragbarer CD-Player.

Musik geklaut hat man damals, indem man die CDs von Freunden auf Kassette überspielt hat. Das war ein magnetischer Datenträger, quasi sowas wie eine bandförmige Festplatte.

Wenn man sich verabredet hat, geschah das entweder mit dem Festnetztelefon der Eltern, am Vortag mit der mündlichen Buschtrommel, oder aber indem wir einfach Samstag abends so lange die Lokale der Innenstadt abgeklappert haben, bis die Truppe komplett war. Notfalls eine halbe bis eine Stunde auf einen lieben Menschen zu warten, war Standard. Zumindest wenn sich die Verspätungen nicht häuften. Wir haben uns halt an interessanten Orten verabredet, wo wir die Warterei mit Spaß verbringen konnten. Heute klingelt nach spätestens 3 Minuten das Telefon: "Wo bleibst denn, is was passiert, ich geh derweil auf einen Kaffee."

Das Internet war eine Einrichtung, die gerade erst im Kommen war. Meine Güte, ich erinnere mich dunkel daran, daß Ostbahn Kurti irgendeine Werbung fürs Internetz gemacht hat. Social Web bestand aus Gästebüchern und dem einen oder anderen Forum. Das Ganze natürlich auf Englisch, weil bei der Hand voll Websites das Angebot an deutschsprachigen Sites zu klein war. Meine Großeltern hatten noch ein Telefon mit Wählscheibe und für mich war das normal, sich beim Telefonieren auf einen Radius von 2 Metern aufhalten zu müssen, denn nur Freaks hatten ein Verlängerungskabel fürs Telefon.

Für einen Menschen, der in geologischen Maßstäben denkt, war die Schlacht von Alesia grad letztens. Und wären wir Menschen nur ein Bisschen früher entstanden, hätte ich vielleicht keine Katze, sondern einen Velociraptor als Haustier. Was sind schon 2 oder 60 Millionen Jahre, verglichen mit der Ewigkeit in einer Nusschale?

Trotzdem passt man sich an, irgendwie komplett automatisch. Die Langsamkeit der Glasfaserverbindungen nervt heute genau so wie das Ruckeln des ersten Modems. Es ist völlig normal, im Katschbergtunnel nicht telefonieren zu können, und wenn YouTube wieder mal überlastet ist, fühlt sich das emotional exakt genau so an wie wenn damals während einem Gewitter (der Dativ ist dem Genitiv sein Tod) auf ORF1 und ORF2 (das waren Fernsehsender) der Krieg der Ameisen gesendet wurde.

Man quatscht heute genauso ungezwungen mit einem Menschen, der auf der anderen Seite der Weltscheibe (noch hab ich den Beweis der Kugelhypothese nicht mit eigenen Augen gesehen), wie man früher im Bus mit jemandem gequasselt hat. Manche von uns realisieren nicht einmal mehr bewusst, ob sie jetzt Deutsch oder Englisch reden.

Ich erinnere mich noch, als das erste SMS auf mein Handy geschickt wurde. Ich habe abgehoben und HALLO? reingebrüllt. Heute schreibe ich keine SMS, weil es sich im Ajaxchat einfach leichter und schneller tippsen lässt. Festnetz? Fax? LOL. Sogar Email ist schon auf dem Weg zum alten Eisen, während wir langsam und sukzessive auf andere Methoden umsteigen und das nicht einmal bewusst realisieren. Ich meine, du siehst sowieso wenn ich on bin, dann können wir einfach chatten oder skypen oder sowashaltalles - oder auch nicht, bin ich halt invis wenns mit meiner Laune nicht zum Besten steht.

Irgendwie ist dieser Fortschritt in der Kommunikationstechnologie ziemlich cool und etwas ganz Natürliches geworden, man nutzt es halt oder auch nicht.

Oder kommt mir das nur so vor?

"Ich kann den Link in deinem Email nicht aufmachen, weil das Mail in dem Spamordner gelandet ist."
Häh, dann ziehs halt raus oder kopiers in die Adressleiste?
"Weißt du zufällig, wo man das Spiel XY bekommt?"
Häh, GIYF?
"Kannst mich zu deinen Freunden hinzufügen?"
Häh, stell halt einfach ne Anfrage.
"Wie geht denn das bei dem Avira damit das dingensdings...?"
RTFM!
"Den Artikel gibts bei der Wikipedia nicht"
Sicher gibts den.
"Achso, ne, ich meine ja auf Deutsch"
Hä?

Irgendwie kann ich meinen Bekanntenkreis mittlerweile in zwei Kategorien unterteilen: Die einen, denen du einfach eine msg hinterlegst, und die anderen mit denen ich kaum noch kommuniziere. Denn wennst einem die Funktion eines Emailprogramms erklären musst um überhaupst kommunizieren zu können - dann hat es sich eigentlich schon erübrigt.

Andererseits natürlich auch irgendwie traurig, wie Menschen die einfach eine Viertelgeneration älter sind, auf diese Art vollautomatisch zu Aliens werden. Wie viele Leute sind aus dem potentiellen Bekanntenkreis rausgefallen, weil die Kommunikation ganz einfach zu umständlich ist? Andererseits - wie viele Menschen habe ich übers Internet erst einmal gefunden bzw. so wie neulich wiedergefunden?

Und wie wird das weitergehen? Ich meine jetzt nicht für Leute, die ein Faxgerät als nützlich betrachten, die Musik auf CDs kaufen oder sich weigern im Laden eine Bankomatkasse zu installieren. Da ist der Zug sowieso abgefahren. Ich meine für uns. Bleiben wir im reissenden Strom der Technoevolution, oder fallen wir irgendwann genauso raus? Wird in 20 Jahren einer in der Cyberdimension mit seinem Nanocephalographen einen Emotion-Generating-Spot psychovisualisieren, und sich über die Aliens lustig machen, die immer noch so veraltetes Zeug wie Social Media, oder gar Sprachen nutzen?

Na Mahlzeit, auf jeden Fall bin ich gewaltig neugierig, wann es mir passieren wird, daß einer sagt: "Was, Internet? Zu umständlich, ich hab PsyCon.

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